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23.05.08 | politics | Jamsheed Faroughi

Frauen im Visier


Der Kampf der Frauen für ihre Gleichberechtigung und gegen jegliche Art von Diskriminierung hat im Iran eine lange Geschichte und Tradition. Die frauenfeindlichen Gesetze des Gottesstaates haben allerdings der Frauenbewegung neue Impulse gegeben. Die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ ist eine wichtige Protestaktion gegen die massive Diskriminierung der Frauen im Iran. Die iranischen Behörden gingen im vergangenen Monat erneut mit Verhaftungen gegen Demonstratinnen vor. Aktuell starteten sie ihrerseits in diesen Tagen eine Kampagne wegen Verletzung der islamischen Kleiderordnung: auf Teherans Straßen seien Frauen wegen figurbetonter Kleidung überprüft und über Tausend Verwarnungen ausgesprochen worden, berichteten, die Nachrichtenagenturen (AFP und FARS). Ähnliche Kampagnen sind allerdings bisher im Sande verlaufen. Über die Situation der Frauen im Iran Einzelheiten von Jamsheed Faroughi

Frauen im Iran haben es nicht leicht. Die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts ist im islamischen Recht (Sharia’) an vielen Stellen vorprogrammiert. Beispielsweise müssen Frauen im Iran für etwas kämpfen, was in vielen anderen Ländern der Welt als ganz selbstverständlich erscheint: für eine monogame Beziehung mit ihrem Ehemann.

Nach den Regeln der „Sharia’“ hat ein Mann das Recht bis zu vier Frauen zu heiraten. Dazu kommt die Zeitehe. Sie ist eine Besonderheit des schiitischen Rechtssystems und im heutigen Iran de facto die legalisierte Prostitution. Für viele Iranerinen ein Grund zum Protest - mit der Kampagne „Eine Million Unterschriften' wehren sich die Frauen gegen die Diskriminierungen durch das islamische Recht im Iran, wie zum Beispiel gegen die Mehrehe, gegen Benachteiligungen im islamischen Familienrecht und gegen die Steinigung.

Wegen ihrer Proteste wurden in den vergangen Wochen erneut Aktivistinnen und Journalistinnen verhaftet, darunter auch Nahid Keshawarz .Nach ihrer Freilassung sagte sie in einem Interview mit DW-Radio:

1. O-Ton, Nahid Keshawarz (Farsi)
„Die iranische Justiz behauptet, dass die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ nicht transparent und nicht klar genug sei, und fragten was die Frauen mit ihrer Protestaktion vorhaben...“

Begonnen hatte die Kampagne am 12. Juni vergangen Jahres. Damals trafen sich die Frauen zu einer Demonstration um auf ihre Anliegen aufmerksam machen. Allein 70 Frauen wurden an diesem Tag verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, damit gegen das islamische Recht zu verstoßen und den Islam in Frage zu stellen. Sogar angebliche Verstöße gegen die nationale Sicherheit Irans wurden ihnen vorgehalten.

Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtsaktivistin, ist eine der Anwältinnen der verhafteten Frauenaktivistinnen und wundert sich:

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. O-Ton: Shirin Ebadi (Farsi):
“Seit wann ist der Protest gegen die Mehrehe für Männer ein Verstoß gegen die nationale Sicherheit?”

Nasrin Sotodeh ist ebenfalls Juristin und neben Ebadi Verteidigerin der beschuldigten Frauenrechlerinnen:

3. O-Ton: Nasrin Sotodeh, (Farsi)
„Die Forderungen der Frauen sind völlig berechtigt. Die iranische Justiz hat meiner Klientin, (Frau) Bahareh Hedayat vorgeworfen, gegen die nationale Sicherheit gehandelt, Unruhe gestiftet und an einer illegalen Veranstaltung teilgenommen zu haben. Man hat ihr gesagt, dass die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ illegal und gegen die Grundsätze des Islam verstoße. Unsere Frage lautet: gehört die Mehrehe für Männer zu den Grundsätzen des Islam? Wenn eine Frau gegen die Mehrehe protestiert und von ihrem Ehemann verlangt, Regeln des Ehelebens zu respektieren, hat sie dann gegen die nationale Sicherheit gehandelt?“

Die Frauen im Iran sind keineswegs eingeschüchert sondern selbstbewusst und aufgeklärt. Ihre aktive Beteilung am gesellschaftlichen Leben ist dem Islamischen Staat schon lange ein Dorn im Auge. Als sich 40 Aktivistinnen kurz vor dem 8. März, dem Internationalen Frauentag, vor dem Gebäude des Revolutionsgerichts versammelten und die Freilassung der inhaftierten Frauen verlangten, hatte sich der Konflikt weiter zugespitzt. Polizei und Sicherheitsbeamte waren gegen die friedliche Versammlung der Frauen gewaltsam vorgegangen. Fast alle Demonstrantinnen wurden verhaftet, einige sitzen im berüchtigten Ewin-Gefängnis.

Trotz dieser Repressalien und Unterdrückung setzen sich die Frauen im Iran weiter für ihre Rechte ein, berichtet Nasrin Sotodeh, ebenfalls Anwältin in der iranischen Frauenbewegung

4. O-Ton, Nasrin Sotodeh, (Farsi):
„Was ich über meine Klienten sagen kann, ist, dass sie für ihre Grundrechte weiter kämpfen werden. Sowohl während der Haft als auch nach ihrer Freilassung haben meine Klienten klar und deutlich gesagt, dass sie keinesfalls ihre Forderung nach Gleichberechtigung aufgeben werden.“

Aufgeben will auch die Frauenaktivistin Mortezai nicht. Die Ziele der Frauen-Proteste hält sie für legitim und durchsetzbar:

5. O-Ton: Frau Mortezai (Farsi)
„Die Frauenbewegung im Iran strebt keinen Regimewechsel an. Sie brauchen keine Angst vor uns zu haben. Die Frauenbewegung im Iran will, dass die Regierung ihr Verhalten gegenüber den Frauen ändert und diejenigen Gesetze reformiert, die den Druck auf die Frauen und die Jugend enorm erhöht haben. Das Verfallsdatum solcher Gesetze ist längst abgelaufen. Diese Gesetze entsprechen nicht mehr den Bedürfnissen der modernen Frauen und sind nicht mit der Würde der Frauen vereinbar.“





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