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10.05.08 | Kommentar | Jamsheed Faroughi

Gespräch zwischen den Erzfeinden


Nach jahrzehntelanger Eiszeit in den diplomatischen Beziehungen wollen die Erzfeinde USA und Iran am 28. Mai erstmals wieder direkte Gepräche führen. Kernthema soll die Lage im Irak sein. Der Konflikt um das iranische Atomprogramm bleibt außen vor. Die USA werfen dem Iran seit langem vor, die Gewalt im Irak zu schüren, weil das Land schiitische Milizen ausbilde und mit Waffen unterstütze. Iran hat diese Vorwürfe immer wieder zurückgewiesen. Deshalb soll bei den nun geplanten Gesprächen ausgelotet werden, wie der Iran eine konstruktive Rolle bei der Befriedung des Irak einnehmen kann?

Historisch gesehen sind direkte Gespräche zwischen den Erzfeinden kein Novum. Aber zweifelsohne ist das direkte Gespräch zwischen dem „großen Satan“ USA und der „Achse des Bösen“ Iran etwas Neues, ein Ereignis mit nachhaltigen Konsequenzen. Seit der Islamischen Revolution herrscht ein „Kalter Krieg“ zwischen den beiden verfeindeten Ländern. Das ist die Ära der rhetorischen Angriffe, Drohungen und wilden Anschuldigungen. Und jetzt soll alles vorbei sein? Ist das der Beginn einer neuen Ära, der Ära der Entspannung?

Die Antwort ist eindeutig: Nein. Es ist nicht leicht, im Gesicht des Satans die göttlichen Spuren wiederzuerkennen.

Es ist auch nicht leicht, die Bösen mit einem Schlag heiligzusprechen. 28 Jahre lang war im Iran die direkte Verhandlung mit dem „großen Satan“ ein Tabu. Selbstverständlich kann nach der Verhandlung keiner kommen und sagen, die Vertreter des Gottesstaates haben mit dem „großen Satan“ konstruktiv verhandelt. Die Amerikaner können auch nicht behaupten, dass sie in der Zusammenarbeit mit der „Achse des Bösen“ Fortschritte erzielt haben. Das direkte Gespräch mit „Satan“ bringt den „göttlichen“ Charakter des Reiches der Ayatollahs in Gefahr. Und die Begegnung mit dem Bösen bringt die „strategisch“ wichtige Grenze zwischen dem Guten und Bösen durcheinander. Also weg mit den alten Bezeichnungen. Das ist die erste Konsequenz dieses geplanten Gesprächs.

Nun ist Enttabuisierung angesagt. Jetzt ist die Überzeugungsarbeit in den jeweiligen Ländern gefragt. Aber in der Politik gibt es keine „Undo-Taste“. Das Geschehen kann man nicht so einfach ungeschehen machen. Die konservative Regierung um den Präsidenten Ahmadinedschad hat es wirklich schwer. Der Begriff „großer Satan“ ist nicht nur ein Bestandteil der Propagandamaschinerie der Ayatollahs, sondern auch Teil einer islamistischen Ideologie, die die Außenpolitik der iranischen Regierung in den letzten 28 Jahren ausgeprägt hat.

Nun gibt es Proteste und Demonstrationen. Man redet sogar vom Verrat an Prinzipien und Werten der Islamischen Revolution. Die Ultra-Konservativen wie Hussein Shariatmadari, Chefredakteur der konservativen Zeitung „Keyhan“ haben das direkte Gespräch als „Tanz mit den Wölfen“ bezeichnet. Ein gefährlicher Tanz, der dem Prestige und Ansehen Irans in der islamischen Welt letztendlich schaden werde. In den USA sind auch nicht alle von der Notwendigkeit eines direkten Gespräches überzeugt. Die Neokonservativen wie Richard Perl bezweifeln, dass Teheran und Washington bezüglich der Stabilität Iraks gemeinsame Interessen haben. Die amerikanische Regierung hat dem Iran wiederholt vorgeworfen, die schiitischen Aufständischen im Irak militärisch und finanziell unterstützt zu haben.

Es soll ausschließlich um Irak gehen; um die Stabilisierung der irakischen Regierung und um die Linderung des Leidens der Iraker. Vielleicht, wenn die Vertreter der irakischen Regierung den Raum verlassen haben, könnte man auch über andere wichtige Konflikte und Streitpunkte reden. Zum Beispiel über das iranische Atomprogramm, über die alten und neuen UN-Sanktionen, die iranischen Gelder, die seit der islamischen Revolution von den Amerikanern eingefroren sind, aber auch über Rivalitäten im Nahen Osten, versteckte Kämpfe um regionale Einflüsse, und die finanzielle und militärische Unterstützung der Islamisten in der Region, alles unter dem Stichwort: Islamisierung der Politik statt Säkularisierung.

Jenseits von Gut und Böse ist das Gespräch zwischen dem „großen Satan“ USA und der „Achse des Bösen“ Iran etwas Besonderes. Denn das Gespräch selbst ist wesentlich wichtiger als das Gesprächsthema. Das ist der erste Schritt zur Enttabuisierung der direkten Verhandlungen zwischen den Erzfeinden. Nur ein praktischer Tipp um den Enttabuisierungsprozess zu beschleunigen: Wiederholung. Nur die Wiederholung, in diesem Fall der bilateralen Gespräche, ist das einzige wirksame Mittel für die Aufhebung jener Tabus, die nicht mehr zeitgemäß sind.

Deutsche Welle / Farsi



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